Osteuropa wichtige Stütze für Österreichs Konjunktur
01 July 2026
Region stabilisiert Österreichs Exporte und gewinnt an Bedeutung; Wachstumsmärkte und Ukraine-Wiederaufbau bergen großes Potenzial; Österreich könnte vom Strukturwandel profitieren
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Die Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa (MOSOE) entwickelt sich zu einem immer wichtigeren Wachstumsmotor für Österreich. Die österreichischen Wirtschaftsbeziehungen zu dieser Region in den Bereichen Handel, Tourismus, Banken und Investitionen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich vertieft, wodurch Österreich zu einer jener westeuropäischen Volkswirtschaften geworden ist, die am stärksten von der anhaltenden Konvergenz und dem Wachstum der MOSOE-Region profitieren.
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MOSOE trug dazu bei, die österreichische Nachfrage trotz eines schwierigen globalen Umfelds zu stützen. Während die Exporte in die USA stark zurückgingen und einige wichtige Märkte in der Region eine schwache Entwicklung zeigten, trug die stärkere Nachfrage aus Ländern wie Tschechien, Kroatien und Serbien dazu bei, die österreichische Exportleistung Anfang 2026 aufrechtzuerhalten.
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Durch den in der Region stattfindenden Strukturwandel weg vom Modell “verlängerte Werkbank”, das auf niedrigen Lohnkosten basierte, hin zu einem Wachstum, das mehr auf Investitionen und privatem Konsum beruht, gibt es besonders große Chance für österreichische Unternehmen in diesen Bereichen. Mit den steigenden Einkommen in der Region können österreichische Banken, Versicherungen, Einzelhandels- und Dienstleistungsunternehmen zunehmend höherwertige Produkte und Dienstleistungen verkaufen und so intensivere Beziehungen zu einer wachsenden Mittelschicht aufbauen.
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Ein neuer Investitionszyklus könnte große Chancen für österreichische Unternehmen eröffnen. Die erwarteten hohen Ausgaben für Verteidigung, Energieinfrastruktur, Logistik und schließlich den Wiederaufbau der Ukraine dürften österreichischen Unternehmen aus den Bereichen Ingenieurwesen, Bauwesen, Finanzen, Versicherungen und Beratung zugutekommen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie sich dem Strukturwandel in der Region anpassen.
Aufgrund seiner Verbindungen zu MOSOE in den Bereichen Bankwesen, Investitionen, Handel und Tourismus ist Österreich eines der EU-Länder, das am stärksten vom Wandel in der Region profitiert. Die österreichischen Exporte in die MOSOE-Region sind von rund 17 % des Gesamtvolumens im Jahr 2000 auf heute über 23 % gestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Besucher:innen aus der MOSOE-Region am gesamten internationalen Tourismus in Österreich von 4 % auf 13 %. Die Region entwickelte sich somit über die Jahrzehnte zu einem der Wachstumsmotoren für Österreichs Wirtschaft.
Im ersten Quartal 2026 trugen einige Schlüsselmärkte in der MOSOE-Region dazu bei, die österreichische Exportnachfrage in einem insgesamt schwierigen außenwirtschaftlichen Umfeld aufrechtzuerhalten. Die österreichischen Exporte stiegen im ersten Quartal nominal um 3,4 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Verkäufe in die übrigen EU-Länder waren relativ stark (+4,2 %) und trugen dazu bei, einen Rückgang der Verkäufe in die USA um 14,6 % auszugleichen. Einige Kernmärkte in der MOSOE-Region verzeichneten zudem ein relativ schwaches Nachfragewachstum, wobei die österreichischen Exporte nach Polen (+2,8 %), Ungarn (+2,7 %) und Rumänien (-3,9 %) zu kämpfen hatten. Andere Märkte zeigten jedoch ein robusteres Wachstum der Nachfrage nach österreichischen Produkten, wobei Tschechien (+4,4 %), Kroatien (+10,6 %) und Serbien (+16,5 %) dazu beitrugen, die durchschnittliche Wachstumsrate der österreichischen Exporte anzuheben.
Zwar können monatliche Handelsdaten Schwankungen unterliegen, doch da Deutschland als Wachstumsmotor an Zugkraft verliert, gewinnt die MOSOE-Region für österreichische Unternehmen an Bedeutung. Die Volkswirtschaften der Region haben sich im letzten Jahrzehnt stark dem österreichischen Einkommensniveau angenähert. Für die meisten von ihnen wird in den kommenden Jahren auch weiterhin ein deutlich schnelleres Wachstum als in Österreich und Deutschland erwartet. Österreich ist außergewöhnlich gut positioniert, um von dieser Einkommenskonvergenz in der MOSOE-Region zu profitieren. Einzelhandelsunternehmen, Banken und Versicherungen mit etablierten regionalen Netzwerken können zu qualitativ höherwertigen Kundenbeziehungen übergehen. Die Gewinner werden diejenigen sein, die ihr Produktangebot an eine wohlhabendere, aber nach wie vor preisbewusste Mittelschicht anpassen. Premium-Einzelhandelsformate, Spar- und Anlageprodukte, Versicherungsschutz, Dienstleistungen im Gesundheitswesen, Altersvorsorge, Hypotheken und KMU-Finanzierungen sind Beispiel für vielversprechende Bereiche.
Anmerkung: Die Bevölkerungszahlen sind für die Ukraine für den Zeitraum 2022–2025 sowie für Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und den Kosovo für das Jahr 2025
In den Ländern, in denen für den Prognosezeitraum das stärkste Wachstum erwartet wird, ist Österreich im Allgemeinen noch relativ wenig vertreten. Das deutet auf interessante Expansionsmöglichkeiten hin, für die die Erfahrungen der letzten 30 Jahre genützt werden können. Während die Schlüsselmärkte Polen, Ungarn und Tschechien in den nächsten drei Jahren allesamt ein starkes Wachstum verzeichnen werden, sind andere wachstumsstarke Märkte derzeit von österreichischen Unternehmen relativ wenig erschlossen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Kasachstan, die Türkei, Bulgarien, Serbien, Kroatien und die Ukraine in den kommenden Jahren als interessante Wachstumsmärkte für österreichische Unternehmen. Insgesamt scheinen die Expansionsaussichten in der MOSOE-Region besser zu sein als im langsamer wachsenden Westeuropa, wo österreichische Unternehmen oft stärker als in den einzelnen MOSOE-Märkten vertreten sind. Österreichische Unternehmen scheinen bereits auf die im Vergleich zu Westeuropa besseren wirtschaftlichen Aussichten für die MOSOE-Region zu reagieren. Der Anteil österreichischer Auslandsdirektinvestitionen in Polen, Rumänien und Ungarn ist seit der Pandemie gestiegen, während jener in Deutschland zurückgegangen ist.
Da sich das Wachstumsmodell der Region jedoch wandelt, müssen sich österreichische Unternehmen anpassen. Das Modell, das auf ausländischen Direktinvestitionen in der Region basiert und sich auf niedrige Arbeitskosten stützt – oft werden dort Güter kostengünstig für den Export nach Österreich oder Westeuropa produziert –, stößt an seine Grenzen. Demografischer Druck, steigende Löhne, die Schwäche der deutschen Industrie und chinesisches Dumping haben dieses Modell stark unter Druck gesetzt. Für Österreich ist dies von überproportionaler Bedeutung, da nur wenige westliche Länder derart umfangreiche Produktions-, Bank- und Investitionsnetzwerke in der Region aufgebaut haben. Die wichtigste Konsequenz daraus ist, dass österreichische Unternehmen in der Region MOSOE zunehmend durch Produktivitätssteigerungen statt durch Arbeitskostenarbitrage konkurrieren müssen. Unternehmen, die Fachwissen oder Ausrüstung für diesen Prozess bereitstellen, sowie diejenigen, die Waren und Dienstleistungen an Verbraucher:innen in der MOSOE-Region verkaufen, werden ihre Chancen in der Region steigen sehen.
Die nächste Investitionswelle in der Region MOSOE könnte eine große Chance für Österreich darstellen. Die Region, wie die gesamt EU, steht vor einem erheblichen Anstieg des Ausgaben- und Investitionsbedarfs in den Bereichen Verteidigung, Energieinfrastruktur und Logistik sowie – in nicht allzu ferner Zukunft – beim Wiederaufbau der Ukraine. Ein Großteil dieser Ausgaben wird in der unmittelbaren Nachbarschaft Österreichs und in Ländern anfallen, in denen österreichische Unternehmen oft eine Schlüsselrolle spielen. Diese sind stark in Branchen vertreten, die von großen Investitionszyklen profitieren. Dazu zählen zum Beispiel der Maschinenbau, das Bauwesen, Energiesysteme, das Verkehrs-, das Bankwesen, Versicherungen, Beratungs- und Industriedienstleistungen. Österreich ist damit außergewöhnlich gut positioniert, um vom sich abzeichnenden Investitionsboom infolge der neuen geopolitischen Situation in Osteuropa zu profitieren.



